Date mit der Ehemaligen – Zeitungsauftrag: Ein Physiker – Beatrice’ Abgang

Die Prostata wuchert, weil sie im Alter immer seltener ihre natürliche Aufgabe erfüllt. Ein Einfallstor für Krebs. Sie will öfter genutzt sein. Aber die Zeiten sind vorbei, als ich täglich ableichte [wohl mit ai gemeint, also ‘ablaichte’]. Meine Potenz nimmt ab, dennoch dränge ich immer zum Abschluss. Das ruiniert das feine Gewebe meines Gemächts. Die winzigen Verwundungen vom ständigen Abwedeln verheilen irgendwann nicht mehr vollständig. Man merkt, wie die Haut auf dem Schaft ausdünnt. Das ist der Lebensgang einer erbärmlichen Bedürftigkeit. Selbstekel hilft beim Sterben, das spüre ich deutlich.
Eine neue Beziehung muss her, das liegt wohl am nächsten. Nun, ich hab’s versucht. Man weiss ja, wie das läuft. Zuerst klappert man verblichene Liebschaften ab. Von Jana weiss ich, dass sie getrennt lebt. Sie wohnt in meiner Nähe, und vor allem käme sie für solche Geschichten wie Prostatamassage in Frage. Nach meiner Einschätzung zumindest. Ich rief sie an, sie lud mich zu sich ein. Und schon hielt ich mein Problem für gelöst. Allerdings war nicht auszumachen, ob sie sich freute oder nicht. Jana hatte mir auf dem Beantworter mitgeteilt, ich solle ruhig ins Haus, falls sie noch nicht da sein sollte. Also klingelte ich an ihrer Tür. Niemand meldete sich, doch ein Hund bellte. Da entdeckte ich, dass der Hausschlüssel aussen steckte. Eine Sonderbarkeit schlechthin, man hätte es als ein Wink lesen können. Also trat ich ein. Ein fiebriger Schnauzer zappelte mir entgegen. Ich streichelte ihn, er leckte meine Hand. Auf dem Halsband stand «Bobby» geschrieben. Im Wohnzimmer lag Spielzeug verstreut. Jana hatte also ein Kind. Und war alleinerziehend. Ein Nachteil für mein Vorhaben, der aber in Kauf zu nehmen wäre. In der Spüle stapelte sich gebrauchtes Geschirr. Ich setzte mich in einen Sessel und wehrte den Hund ab, der unentwegt auf meinen Schoss zu springen versuchte. Am liebsten hätte er mir ins Gesicht geleckt. Offensichtlich durfte er das sonst. Davon leitete ich eine gewisse Bedürftigkeit vonseiten Janas ab, die mich lächeln machte. Man muss ja nicht gleich das Ärgste annehmen. Irgendwann liess das drollige Tier von mir ab. Und ich nickte ein, hörte noch den Hund sich säubern.
Nach einer halben Stunde war meine Bekannte noch nicht gekommen. Verschlafen trat ich ins Treppenhaus. Da sah ich die Haustür offenstehen. Erst da fiel mir die Stille auf. Ich hatte die Tür schlecht zugezogen, und der Hund war weg, hatte die seltene Gelegenheit für sich genutzt. Ich eilte durch fremde Zimmer, rief den fremden Hund, als gehörte er mir, stürzte nach draussen, in den fremden Garten, in dem ich nichts verloren hatte, durchkämmte schliesslich die Quartierstrassen und kam nicht umhin, dass ich diesen blödsinnigen Hundenamen in der ganzen Anwohnerschaft herumbrüllte. Die Hoffnung, das Tier könnte aus einem Gebüsch gewackelt kommen, erfüllte sich nicht. Irgendwann sah ich einen Schnauzer angeleint, von einem älteren Ehepaar Gassi geführt. Tatsächlich waren es die Nachbarn, die sich regelmässig um den Hund kümmerten. Während ich schlief, hatten sie ihn geholt und mich nicht bemerkt. Das Ganze war mir derart peinlich, dass ich mich sofort verabschiedete. So hatte ich Jana gar nicht erst zu Gesicht bekommen.
Das Bild geht mir nicht aus dem Kopf: Ein Hausschlüssel, der aussen steckt. So etwas gibt es nicht. Erfahrungen dieser Art veranlassen Menschen wohl zu unsinnigsten Hoffnungen in einer Welt, die also doch Unerwartetes zulässt. Die Sache mit dem Schlüssel hat sich zwar geklärt. Doch das Bild bleibt. Allgemein gesagt: Es gibt etwas, das es nicht gibt. Etwas kommt vor, das nie vorkommt. Ein Schlupf[loch?]. Wohin es auch führt.

Zeitungsauftrag: Ein Physiker
Mein Redaktor freut sich auf die Zusammenlegung der Tagesblätter. Dann gäbe es nur noch gute Fotos, hat er heute gestöhnt, da ich regelmässig schlechte Bilder abliefere. Zum Fotografieren mag ich mich nun mal nicht vordrängen. Diesmal lags jedoch an der Belichtung. Mit beiden Händen hielt mein Chef den Film aufgespannt ins Licht, und um mich abermals zu belehren, stupste er die einschlägigen Stellen notgedrungen mit der Nase an. Noch bin ich der einzige, der nicht auf digitale Fotografie umgestellt hat. Noch immer quetsche ich Artikel und Filmbüchse durch den Briefkastenschlitz der Redaktion. Die Arbeit werde ich vermissen. Lokaljournalismus käme meiner alltäglichen Feigheit entgegen. Denn man zeigt den nötigen Respekt, Kritik ist beinah untersagt, lacht sich dann aber ins Fäustchen ob diesem Leben in seiner peinlichen Konkretheit. Hin und wieder jedoch öffnen sich Horizonte. Letzthin porträtierte ich einen bekannten Physiker, der ins Quartier gezogen ist. Seine Spezialität sind Solarzellen, neuerdings als Fensterglas. Das Gespräch dauerte lange, die Sekretärin versorgte uns laufend mit Kaffee und Keksen. Ich hätte ihn darauf ansprechen sollen, dass einer seiner Schüler Daten fälschte. Immerhin ein aufgehendes Gestirn am Himmel der angewandten Festkörperforschung, nun wohl Taxifahrer. Aber ich konnte es nicht. Und als hätte ich es geahnt, wurde der Mann unverhofft persönlich. Noch kurz vor dem Ruhestand hatte er sich von seiner Frau scheiden lassen. Deshalb sei er umgezogen. Der Grund: Er konnte die Enkelkinder nicht mehr ertragen. Für ein Foto sollte ich ihn zu Hause besuchen, er bestand darauf, dass ich ihn am Flügel ablichte, während er Bach spielte. Als ich klingelte, kam er den Gehweg herangehumpelt, im Gesicht kreideweiss. Soeben war er mit einem Kind zusammengestossen, beide auf dem Rad. Das Kind sei wohlauf. Wie ironisch das Leben sein kann. Die Frage, ob es einer seiner Enkel gewesen wäre, wölkte in meinem Hirn als sonderbare Bösartigkeit, als eine Art intimer Selbstbelustigung flüchtig auf. Der Mann hatte sichtlich Mühe zu gehen, bestimmt litt er Schmerzen. Es dauerte eine Weile, bis er in Position war. Lange blätterte er in Noten herum, bis er eine Fuge in Angriff nahm. Erst stolperte er ein paar Mal, schliesslich kam er in Fluss. Die schlecht belichteten Fotos hatte ich bald im Kasten. Noch nie hatte ich mir diese Musik so genau angehört. Irgendwann fiel mir die Fahrradklammer auf, die der Mann an seinem rechten Knöchel vergessen hatte. Mit Katzenauge. Er fragte mich, ob ich noch mehr hören wolle, er spiele eigentlich nur Fugen von Bach. Ich sagte ja und schloss die Augen.

Beatrice’ Abgang
Es war ein Wochenende, an dem Beatrice zum letzten Mal bei mir war. Sie liess sich lieben, jedoch abgewandt von mir, wie es selten vorkam, zog sich dann auch von meinen Zärtlichkeiten zurück, die ich immer folgen liess und die diesmal rastlos waren, wie ich nachträglich einsehe, als hätte ich etwas geahnt, sodass Beatrice sogar meine Hand auf einmal festhielt.
Am nächsten Morgen brachte ich sie auf den Zug. Sie hängte sich an mich, blickte mir sonderbar traurig in die Augen, aber ich war launisch gestimmt, in der selbstverständlichen Annahme, dass sie wiederkäme. Da schenkte sie mir eine Schokolade in Form weiblicher Lippen, rot glänzend eingefasst. Zum Valentinstag, wie sie meinte. Erst zu Hause stellte ich fest, dass es zum Valentinstag noch über eine Woche hin war. Dann mein Anruf, der ins Leere lief, schliesslich eine Email von ihr, mit der Bitte um ein stilles Ende der Beziehung.