Vorwort – Prostataproblem – Angst vor dem Tod – Gedanken zu Krebs-Industrie

Vor Jahren stiessen wir bei der Räumung einiger Dachzimmer unserer Wohngemeinschaft unter Sperrgut auf eine Mappe mit losen Manuskriptseiten. Nun hat sich herausgestellt, dass es sich um Tagebucheinträge handelt. Ihr Autor D. L., ein ehemaliger Mitbewohner, der bis zum Schluss dort gelebt hatte, gelangte damals als fröhlicher Selbstmörder zu tragischer Bekanntheit, da er an der Stelle, wo er am –.–.201- von der Kuhtobelbrücke in den Tod sprang, einen Barhocker zurückliess, den er benötigt hatte, um auf die erhöhte Brüstung zu klettern. Laut Zeugenaussagen besuchte er unmittelbar davor mit eben diesem Stuhl über der Schulter ein Café und unterhielt sich aufgeschlossen mit Gästen über Tagespolitik. Der Chip seiner Kamera zeigte Fotos von Gartenzäunen, die D. L. eine Stunde vor seinem Sprung geschossen hatte. Angehörige und Bekannte rätseln bis heute über diesen Abgang. Immerhin hatte D. L. Monate zuvor sein Leben zum Guten verändert, indem er abnahm und anfing Yoga zu praktizieren. Auch hatte er bei Bekannten im Garten ein paar Aprikosenbäume gepflanzt.
Von der Hand einer anderen Person, die den Text gelesen haben muss, wurde das Manuskript mit «Tagebuch der Schlange» betitelt. Diese Überschrift wird deshalb beibehalten, da im Tagebuch brisante Themen zur Sprache kommen, die selbst heute lieber im Dunkeln verbleiben. Daher liegt es auf der Hand, dass die Initialen D. L. anonymisiert sind.
Trotz Mitglied einer Wohngemeinschaft lebte der Autor eher zurückgezogen, als ein Grenzgänger, dessen Erfahrungen, von denen er erzählt, zu ehrrührigen Missverständnissen führen könnten, zumal sie noch heute durchaus Nerven kosten, wenn man sich damit abgibt. Seine Grenzgängerschaft jedoch öffnet Horizonte. Von daher gesehen scheint sie uns überhaupt nützlich für die Gesellschaft. Das betrifft insbesondere das Motiv zur Selbsttötung, das wohl einzigartig bleiben dürfte. D. L. schied im Einklang mit sich und seiner Umwelt aus dem Leben. Darüber legt das Tagebuch reichlich Zeugnis ab.
Die Texte wurden sprachlich kaum angerührt, unlesbare Stellen entsprechend vermerkt und mit inhaltlichen Vorschlägen versehen. Auch die Zwischentitel, in eckige Klammern gesetzt, beruhen auf redaktioneller Arbeit.

Prostataproblem
Meine Prostatawerte sind schlecht. Ich stelle mir vor, wie meine Lustdrüse anschwillt und auswuchert, bis sie zweckloses Gewebe ins Blut entlässt. Zwar bin ich noch jung, was diese Sache angeht, aber die Statistik liefert klare Daten. Bei mir liegt erbliche Belastung vor, von beiden Seiten, also doppelt. Und das hebt sich nicht einfach so auf. Der Arzt meinte, meine Chancen seien intakt, aber man müsse hinsehen. In einem halben Jahr wieder. Notfalls werde man das Ding herausschaben. Ob ich Kinder wolle? Will ich nicht. Was dazu kommt: Meine Altersvorsorge ist miserabel aufgestellt. Das baufällige Haus, in dem ich mit Studenten zu spottbilliger Miete lebe, wird einer Umfahrung weichen. Das steht seit einiger Zeit fest. Ich selber habe darüber berichtet. Auch die regionalen Zeitungen wird man zusammenlegen. Laien wie ich, die als freie Berichterstatter tätig sind, fallen weg.
Heute Morgen bin ich aufgewacht und wie vor lauter Panik in meiner letzten Schlafstellung verharrt. Mit offenen Augen. Noch immer stehe ich spät auf. Dabei war es zehn Uhr vorbei. Und ich längst über Dreissig. Meine Matratze liegt am Boden, auch wie bei Studenten üblich. Nicht einmal ein Holzrost hält diesen Speck gelüftet. Gebrauchte Papiertaschentücher sind um das Kopfende verstreut. Sie stammen von Beatrice. Auch ihr Kissen liegt noch da. Beatrice hat mich verlassen. Die Taschentücher sind längst vertrocknet. Habe letzthin daran geschnuppert, aus Neugierde. Sie riechen nach Staub. Es berührte mich seltsam, dass etwas, das so lebendig war, so deutlich nicht mehr ist.
Meine Angst hat also viele Gesichter. Irgendwann stellte ich fest, dass damit etwas nicht stimmt: Wie kann man vor dem nahen Tod in Panik geraten und zugleich darüber verzweifeln, dass man sich für die ferne Zukunft schlecht gerüstet weiss? Aber das ist eben nur ein logisches Problem. Auch mein Blutdruck ist zu hoch, so nebenbei erwähnt. Übergewicht spielt eine Rolle. Erst neulich habe ich angefangen, seitlich zu liegen, da es mir ins Kreuz geht, wenn ich bäuchlings schlafe wie seit je. So lag ich nun da und glaubte, ich spürte, wie die schlaffen Gefässe inmitten Fettgewebes dem Blutdruck widerstehen und ihn so in die Höhe treiben. Es könnte auch an Hormonen liegen, hat der Arzt gesagt. Aber vom Blutdruck selbst merkt man nichts. Dieser Tod käme auf leisen Sohlen. Also habe ich zwei Tode in Aussicht. Angesichts meiner Lage müsste mir das gefallen.

Angst vor dem Tod
Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Leben. So gesehen passen meine Ängste gut zusammen. Ein Kollege von mir hat als Altenpfleger schon manche Person in den Tod begleitet. Es gibt Sterbensarten, die er niemandem zumutet. In einer ernsten, jedoch bierseligen Runde verriet er immerhin, dass das Ungewisse, das kommt, bei Weitem nicht das Schlimmste sei, was zur Todesangst beiträgt, sondern das Ungelöste, das notwendig und chancenlos zurückgelassen wird. Todesangst hat also mit dem Leben zu tun. Deshalb: Die Angst vor dem Tod ist die Angst vor dem Leben.

Gedanken zu Krebs-Industrie
Würde ich mein Drüsenteil opfern wollen? Der Eingriff ist Routine. Umgekehrt hört man von Männern, die danach über Monate nicht richtig sitzen können. Überhaupt missfällt mir die Einstellung, die es bedenkenlos findet, dass man kurzerhand schneidet und schabt und herauslöffelt. Ich behalte mein Fleisch bei mir. Es kann sein, dass die Prostata von Natur aus ungenügend durchblutet ist. Der Arzt empfiehlt Massagen. Sollen diese effektiv sein, führt kein Weg an der finsteren Materie vorbei, die in uns täglich gärt und nach Abfuhr drängt. Eine Sackgasse auch hier, vorderhand zumindest. Eigentlich sollte ich [Satz unvollständig]. Es würde mich nicht wundern, wenn mein Krebs lebenslustig ins Kraut schiesst. Einmal erwacht wird er die klügste Vorsorge dumm aussehen lassen. Dann also gehe ich den Weg ins Dunkel. Den Weg, den alle gehen. Aber das Dunkel, das nimmt dir irgendwann den Atem.