In Machthabern vermuten wir Menschen, die aus blanker Souveränität handeln. Wäre Putin jedoch eine Babuschka, was genau spränge da heraus? Ein Erzbösewicht? Zuäusserst ein Machthaber sowjetischen Zuschnitts. Wie gerufen zur Stabilisierung des Westens. Also ein zuverlässiger Feind, der dafür sorgt, dass wir früh aufstehen, um gegen ihn gerüstet zu sein. Daher sollten wir froh sein um ihn. Gemäss dem Sprichwort, du sollest dir einen Feind wählen, damit dein Leben in Ordnung bleibt.

Die nächste Figur, die herausspringt: Putin als verunsicherter Geheimdienstoffizier zu Dresden in den Jahren des Falls und der Wende. Gefolgt von Putin, einem Nostalgiker des Zarentums. Und schliesslich die kleinste Figur: Putin als heimlich getaufter Sohn der russischen Kirche, der noch heute vor Ikonen Gewissheit tankt.

Ende vergangenen Jahrhunderts sah Putin Russland unter versoffener Führung an Tycoons verschachert. Diese horteten Rohstoffe und ehemalige Parteigelder. Beraten von Gefolgsleuten der Chicago-Boys, die sich nach sieben Jahrzehnten Feindschaft ob der russischen Rückständigkeit in Sachen Kapitalismus wohl genüsslich die Hände rieben, privatisierten sie bloss Volksvermögen. So bekamen sie es von diesen Beratern erklärt. Eigentlich stahlen sie ihren Reichtum zusammen. Das sollte uns nicht verwundern, denn alles Private bedeutet seinem Wortsinn nach letztlich nur Zusammengeklautes. Aus Sicht Putin wurde Mütterchen Russland heimtückisch über den Tisch gezogen. Und ebenso heimtückisch setzte er diese Tycoons matt. Nun lassen sie sich vom Westen als seine Opfer hofieren. Man vergleiche: In den 90gern hatten  sie sich noch in Pose geworfen. Mit Sonnenbrille, Nerzen und teuren Ringen.

Man sagt, Putins Einfluss stehe und falle mit kirchlicher Zustimmung. Ihrerseits benötigt die Kirche einen politischen Schutzmantel, der die Verwestlichung Russlands nur dosiert zulässt. Putin, der diesen Schutz gewährleisten soll, wird mit Macht und Pflicht vollgepumpt, sodass ihm früher oder später nur noch die Flucht nach vorn übrig bleibt. So schiebt ihn die russische Volksmasse, sprich die Kirche nicht nur über Landesgrenzen hinweg, sondern gleichermassen über moralische Gebote und internationale Gesetze, die aus ihrer Sicht ohnehin zugunsten westlicher Kultur gestrickt sind. Denn es hat sich weltweit mehrfach bewiesen:

Unter westlichem Einfluss verschwindet die Tradition.

Dem Machthaber, also Putin in diesem Fall, versperren sie den Weg zurück. Wie der eigene Feldweibel mit der Pistole am heimischen Schützengraben. Sie drohen ihm mit Kaltstellung,  schlimmer noch mit Vergessen. Aber der Machthaber beschmutzt sich für alle. Das klingt beinahe schon christlich. Im Herzen der Macht häufen sich schlaflose Nächte. Und ob Putin, wie andere Diktatoren, für diese dauerhafte Entbehrung sich reichlich belohnt, bleibt unklar.

Uns mag es gleichgültig sein, wenn Religion und Tradition zur blossen Privatsache verkommen. Ein für mich unverzichtbarer Grundsatz. Aber das zeichnet mich keineswegs aus, schliesslich ist dieser Grundsatz in jeder westlichen Verfassung als Recht verbrieft. Das hat zur Folge, dass Kirchen hierzulande um Gläubige werben. Sie biedern sich jedem Zeitgeist an, damit ihre Bankreihen wenigstens teilweise gefüllt sind. Eine peinliche Geschichte. Nicht für mich, aber für jene, denen Tradition am Herzen liegt.

In Russland sieht man das anders. Aus klaren Gründen. Genauso etwa die wahabitischen Sauds. Ebenfalls aus klaren Gründen. Sie statten Machthaber mit aller Zustimmung aus und nicken vorweg ihr Vorgehen ab, damit sie dieser Erosion westlicher Abkunft vorbeugen.