Bastl Vor Jahren, als der Alltag noch wenig reguliert war, hatte ich einen Schulgarten. Für mich und die Klassen. Vieles geschah dort, unter anderem das  Spiel einer Gruppe von Mädchen, das sich über Wochen hinzog. Damals hätte ich nicht vermutet, dass sich an diesem Treiben eine ganze Weltgeschichte ablesen lässt.

Als frischgebackener Junglehrer nahm ich völlig begeistert den alten Schulgarten in Anspruch. Eigenhändig fräste ich den harten Boden locker, grub mit einem Brotmesser Disteln aus, sähte Gelbsenf und kehrte ihn später zur Düngung unter die Schollen. Auch die Kinder bestellten ihre Beete. Engerlinge, die sie ausgruben, legten sie zu meinem Entsetzen auf die Fahrspuren der Hauptstrasse. Oder sie liessen sie an der Sonne vertrocknen. In diesem Garten brachte ich Jozo, einem kroatischen Flüchtlingskind aus Bosnien, die ersten Brocken Deutsch bei. Währenddessen standen zum Schulzimmer die Fenster offen. Die Klasse sollte mitbekommen, dass der Junge auch mir seine Sprache beibrachte. Leider nur ein Satz ist mir in Erinnerung geblieben: Sunze griie na nebu. Die Sonne scheint am Himmel.

Irgendwann richtete sich eine Gruppe Mädchen im Schulgarten einen Unterschlupf ein. Sie schleppten Latten und Teppichreste herbei und bauten einen geräumigen Busch aus. Sehr bald nahm der Andrang zu. So bestimmten sie, wer diese Zuflucht als Gast nutzen durfte und wer nicht. Auch ersannen sie Regeln, die untereinander galten. Ein gemeinsames Essen aus dem Korb gab den Höhepunkt dieses Abenteuers. Mit der Zeit flaute die Begeisterung ab. Ein zwei Mädchen wurden an die Regeln gemahnt. Die Gruppe drohte zu zerfallen, es kam zu herzhaften Versöhnungen, dann zu Gleichgültigkeit. Die lustvollen Ideen erstarben in Gewohnheit.

Wenige Wochen später war der Unterschlupf ganz verwaist. Die Teppichreste, die anfänglich nachtsüber im Schulhaus untergebracht wurden, lagen nun regendurchnässt im Dreck.

Genauso ergeht es ganzen Kulturbögen in der Weltgeschichte. Der Geschichtsliterat Oswald Spengler ordnet diesem Prozess Jahreszeiten zu: Der Frühling steht für den Beginn einer Kultur, der Sommer bedeutet ihre Reife, der Herbst die Festigung ihrer Grundsätze, und der Winter steht für Verhärtung und Erstarrung. Die Kultur stirbt ab.

Kein Grossreich besteht längerfristig: Die Phönikische Kolonisation hatte ihren Höhepunkt und ging unter, auch die Expansion Griechenlands. Das persische Achämenidenreich durchlief eine kometenhafte Bahn, die Römer dann in beachtlichem Bogen, dito das Osmanische Reich, die Völker des Moghul, das Great Empire, die Sowjetunion. Was macht uns so sicher, heutige Gemeinwesen dieser Grössenordnung beständen auf einmal für alle Zeit? Oder überhaupt ein Gemeinwesen.

Wie steht es also mit unserer Kultur? Nach Spengler herrscht zur Zeit tiefer Winter. Gerne rede ich von unserer vernünftigen Angstkultur. Oder von der Hochleistungsversorgungsgesellschaft. Deswegen lehne ich sie nicht ab. Ihr Werden und Vergehen erfolgt aus triftigen Gründen, die kein Ausweichen zulassen.

Alles Menschliche verdient besondere Achtung, wenn es eine Richtung einschlägt, ohne dass ihm Alternativen zur Hand wären.  Wie Jozos Familie auf ihrer Flucht hierher.

Was unsere Kultur angeht, so gibt es Anzeichen ihrer Auflösung zuhauf: Zum Beispiel ist der Wille zur Fortpflanzung ermattet. Es geht das Gerücht, Deutschland habe vor Jahren aus dem Grund die Tore für so viele Syrer geöffnet, da die eigenen Reihen in Sachen Fortpflanzung immer lückenhafter geworden sind. Freizeit und Selbstverwirklichung, was immer damit gemeint wird, stehen heute über dem Familienleben. Die ehrenamtliche Hingabe an ein Gemeinwesen hat ihren Stellenwert eingebüsst. Auf Gemeindeebene sind viele Mandate verwaist. Hormone im Trinkwasser machen unfruchtbar. Geschäftsleute trachten danach, trotz Erfolg ihrem Hamsterrad zu entkommen. Viele treten vorzeitig ihren Ruhestand an, viele arbeiten bloss in Teilzeit. Am besten dienstags bis donnerstags. Schüler drohen ihren Lehrern Gewalt an. Autorität wurde eben abgebaut, in allen Bereichen. Doch Autorität, auch unverdiente, war während Jahrhunderten Schmiermittel dieser Hochleistungs-versorgungsgesellschaft. Ein Trainer, der Leichtathleten betreut, raunzte einmal, seitdem es soziale Medien gäbe, hätten die jungen Leuten keinen Biss mehr. Die Sportler seien deutlich schlechter geworden. Auch Lehrmeister beschreiben eine Veränderung bei ihren Lehrlingen, die ihnen zu denken gibt. Wann immer sie die jungen Leute auf etwas Wichtiges hinweisen, sei diesen anzumerken, dass es irgendwo in ihrem Leben etwas gibt, das immer noch wichtiger sei als das. Nämlich ihr Handy.

Konservative sind eigentlich zu bedauern. Sie halten an Verhältnissen fest, die sich unweigerlich auflösen. Mir leuchtet vielmehr ein, dass alles von Natur aus in Übergängen geschieht, wie es Spengler beschreibt. Natürlich könnten Konservative und Traditionalisten einwenden, diese Anzeichen bewiesen gar nichts, also auch keinen Untergang. Es könnte sich auch um eine Krise handeln, aus der die ermattete Ordnung noch glanzvoller hervorgeht.

Trotzdem ist es sehr wohl denkbar, dass auch unsere Kultur früher oder später ihre Kräfte verschlissen haben wird. Warum sollte ausgerechnet sie auf immer forbestehen? Wer in der Auflösung eine Gefahr sieht, fühlt sich notfalls zu Gewalt berechtigt. Zwar weichen wir einer anderen Kultur. Aber auch die wird nicht bleiben.

Das heisst: Wir weichen dem Leben. Einerlei, unter welchem Vorzeichen es daherkommt.

Daher sollten wir lernen, mit Anstand unterzugehen.

Der Winter einer Kultur kommt jedoch zeitgleich mit dem scheuen Frühling einer neuen Ära zu liegen.

Man muss diesen Frühling nur suchen.